Darf man einzelne Zahlen zensieren?

Na, in letzter Zeit im Netz hin und wieder über so eine seltsame (relativ große) Zahl (09 F9 11 02 9D 74 E3 5B…) gestolpert? Irgendeine Ahnung, was es damit auf sich hat? Warum alle Welt darüber redet/schreibt und warum beispielsweise Digg.com (erfolglos) versucht, das Eintragen dieser Zahl auf den eigenen Seiten zu verhindern? Warum man mittlerweile sogar schon ein T-Shirt mit dieser Zahl kaufen kann?

Bei dieser Zahl handelt es sich um einen Processing Key von HD DVDs, also grob gesagt um den geheimen Schlüssel, um die auf HD DVDs verschlüsselt gespeicherten Filme zu entschlüsseln. Damit ist es also möglich, den Kopierschutz der Filmindustrie zu umgehen.

Natürlich gefällt das der Filmindustrie nicht und daher bemüht sie sich, die Verbreitung dieses Geheimnisses zu unterbinden. Sie versuchen also durchzusetzen, dass diese Zahl nicht mehr publiziert wird. Grob gesprochen wollen sie also die Veröffentlichung einer speziellen Ganzzahl verbieten.

Seltsam, oder?

Bei Freedom of Tinker kann man sich mittlerweile seine eigene Zahl generieren lassen. Meine ist zum Beispiel die

3D 9C 67 96 FD 1D 78 50 C4 CF C5 E3 BA A4 34 BD

.

Was hat es nun damit auf sich? Nun, auf besagter Seite befindet sich ein Haiku, das nun derart verschlüsselt werden kann, dass man das Chifrat mit eben dieser Zahl enstschlüsseln kann. Man erhält zwar nicht das Copyright an dem Haiku und vermutlich ebensowenig gehört einem die Zahl1 selbst, aber durch dieses Vorgehen ist die Zahl der Schlüssel zur Dechiffrierung eines urheberrechtlich geschützten Werkes geworden. Diese Zahl ist dadurch also ein „circumvention device capable of decrypting the haiku without your permission“ (Zitat von o.g. Seite), also ein „Umgehungshilfsmittel, mit dessen Hilfe das Haiku ohne Deine Zustimmung entschlüsselt werden kann “ geworden und fällt daher unter den Schutz des Digital Millennium Copyright Act (DMCA)[PDF], so dass all jene, die diese Zahl nun veröffentlichen (wenn sie denn der amerikanischer Gerichtsbarkeit unterliegen) belangt werden können2.

Wie weit das haltbar ist, kann ich natürlich nicht sagen. Wie sieht es etwa aus, wenn jemand seine urheberrechtlich geschützten Werke mit der Zahl 1 schützt. Darf dann niemand mehr die Zahl 1 veröffentlichen? Das würde die Computerwelt, die ja bekanntlich nur aus Nullen und Einsen besteht, arg treffen, oder?

Ach ja, an alle, die bereits Verschlüsselungssoftware (wie PGP) verwenden: Die privaten Schlüssel sind auch nichts weiter als Zahlen. Wenn ihr irgendwann einmal damit (genauer: dafür) ein in irgendeiner Art durch ein Copyright geschütztes Dokument (und sei es eine eigene Kurzgeschichte) verschlüsselt habt, dann ist euer privater Schlüssel wiederum eine vom DMCA geschütztes Hilfsmittel, um den geschützten Inhalt ohne Erlaubnis zu entschlüsseln. Et voilá!

  1. 1 Wobei dies vielleicht erst die Gerichte entscheiden müssen.
  2. 2 Träfe dies nicht zu, dann hätte die AACS auch nicht gegen die Veröffentlichung des berühmten Schlüssels, der ja auch nur eine 128-Bit-Zahl ist, vorgehen dürfen.

3 Reaktionen zu “Darf man einzelne Zahlen zensieren?”

  1. #1
    Ralf GERMANY Windows XP Mozilla Firefox 2.0.0.3 schreibt:

    Du reißt da etwas aus den Zusammenhang. Die meisten “Geheimnisse”, Webseiten und Logins sind durch Passwörter und nicht durch Zahlen gesichert. Demnach könnte ich ja jeden Text verbieten lassen, in dem durch Zufall mein Passwort drin vorkommt.
    Das wäre dann aber verdammt blöd, denn dann würde ja jeder wissen welches mein Passwort ist. So lange niemandem klar ist welches Wort bzw. welche Zahl der geheime Schlüssel ist, ist es halt nur ein Wort bzw. eine Zahl. Weder ein Passwort noch ein Schlüssel.

    Das Ärgerliche ist also nicht die Veröffentlichung der Zahl an sich, sondern im Kontext das eben jene Zahl der allmächtige Schlüssel ist. Und selbst dies wäre wahrscheinlich noch nicht einmal so brisant, denn wer weiß schon was man mit dieser Zahl anfangen muss um kopiergeschützte DVDs anzuschauen.

    Aber betrachten wir uns die Geschichte doch einmal von einem anderen Standpunkt aus. Denn ich für meinen Teil, kann die Musikindustrie ein wenig verstehen (ich muss sie dazu nicht sympathisch finden).
    Nehmen wir mal als Beispiel eine kleine Firma die einen Weg gefunden hat um aus Küchenabfällen Kraftstoff zu erzeugen. Im Grunde genommen kennt jeder Chemiker die Methode. Was fehlt, sind genaue Daten über Temperatur und Druck die nötig sind. Nun geht ein ganz schlauer hin und veröffentlicht lediglich zwei Zahlen: 989 und 107.
    Es sind lediglich zwei ganz normale Zahlen. Aber von eben jenen zwei Zahlen hängt für das Unternehmen sehr, sehr viel ab. Unter Umständen die Existenz und viele Jahre an Forschungsarbeit und noch mehr Geld.
    Wie fair wäre es also diese beiden Zahlen zu veröffentlichen? Womöglich noch in den Zusammenhang, dass es die benötigte Temperatur und der benötigte Druck ist um aus Küchenabfällen Kraftstoff herzustellen.

    Das was bei Digg passiert ist, ist im Grunde genommen nichts anderes als Industriespionage. Würde man nun sagen “Ach das ist nicht so schlimm. Die Unterhaltungsindustrie hat sich das ja selber eingebrockt!”, wie weit würde es dann als nächstes gehen? Welche Daten von Unternehmen dürften dann als nächstes veröffentlicht werden?
    Darf ich veröffentlichen wie viel Geld Person X auf sein Konto hat (Bankgeheimnsi!)? Darf ich munter darüber plaudern wie viele Schulden mein Nachbar hat (Persönlichkeitsrecht)? Darf ich rausplaudern welche (geheime) Telefonnummer zu welchen Teilnehmer gehört? Es sind doch nur Zahlen. Ganz gewöhnliche Zahlen.

    In meinen Augen ist die Geschichte mit Digg rein gar nichts zu lachen. Und ich habe auch kein Verständnis dafür das Menschen keine Hemmungen mehr haben Betriebsgeheimnisse zu veröffentlichen nur weil sie der Meinung sind sie seien im Recht. Und dieses Recht davon ableiten, dass sie die Unterhaltungsindustrie unsympathisch finden weil die eben kopiergeschützte CDs und DVDs heraus bringt.
    Welches Recht hat bitte schön der Käufer darüber zu bestimmen wie Inhalte veröffentlicht werden? Der Käufer hat lediglich das Recht darüber zu entscheiden ob er etwas kauft oder nicht. Wer keine kopiergeschützten DVDs mag, soll sie einfach nicht kaufen. So einfach ist das. Damit schadet man der Unterhaltungsindustrie nebenbei auch noch mehr als wenn man ständig deren Kopierschutzmechanismen knackt.

  2. #2
    Christian GERMANY Windows XP Mozilla Firefox 2.0.0.3 schreibt:

    Das ist in der Tat ein schwieriges Thema (was spätestens an dem Punkt, wo ich die Eins „verbieten“ möchte, klar werden sollte). Und wenn ich auf irgendeine Art und Weise in der Situation von Digg gewesen wäre, hätte ich mich vermutlich auch nicht so entschieden, aber das ist halt nicht mein Bier.
    Letzten Endes ist ein Computerprogramm (und damit etwa auch ein Betriebssystem) nichts weiter als eine (noch größere) Zahl. Dennoch ist (aus gutem Grund) das Veröffentlichen von vielen Programmcodes per se erstmal nicht erlaubt. Mit dem Urheberrecht ist das nichts anderes. Schließlich ist auch ein Gedicht, dessen Veröffentlichung erst einmal die Genehmigung des Urhebers benötigt, im Computer nur eine Zahl.
    Es ist (für mich als Mathematiker) eine schwierige Sache, die Grenze da wirklich zu definieren. Ich sehe sowohl die Interessen der Freiheit, als auch die der Urheber. Und in unserem Rechtsstaat liegt es (wie ich auch bereits schrieb) an den Gerichten, dies im Einzelfall zu entscheiden.

  3. #3
    Ralf GERMANY Windows XP Mozilla Firefox 2.0.0.3 schreibt:

    Ich finde es schade das man für solche Dinge erst einmal die Gerichte befragen muss. Für mich ist es eine Frage der Moral. Die Entscheidung was ich darf und was ich nicht darf (nicht im juristischen Sinne), sollte jeder selber für sich beantworten können.
    Letzend Endes auch die Frage ob den Personen, die solche Daten veröffentlichen, bewusst ist welche Konsequenzen ihr Handeln hat. Denn wie ich in meinem Beispiel oben schon beschrieben habe, wo sind dann in Zukunft die Grenzen zu ziehen?

    Im Grunde genommen finde ich bereits deine Überschrift etwas fehl am Platze. Denn es handelt sich im Fall Digg nicht um Zensur, schließlich wird nicht eine (freie) Meinung gelöscht.

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