Debian GNU/Linux 5.0.4 (Lenny) unter Windows 7
Alle Jahre wieder: Auf einem Rechner mit Windows 7 galt es, mal wieder einen Webserver zum Entwickeln einer neuen Anwendung einzurichten.
Der faule einfache Weg
Die einfachste Möglichkeit wäre natürlich, sich kurzerhand ein XAMPP-Paket herunterzuladen und zu installieren. Auf diese Weise hätte man vollkommen unkompliziert alles was man braucht: Apache-Webserver, mySQL-Datenbank, PHP-Umgebung und noch einiges mehr.
Diese Einfachheit kann aber auch für manche Leute ein Nachteil sein. Möglicherweise verhält sich eine spezielle Anwendung später auf einem GNU/Linux1-Webserver anders als unter der Windows-Installation. Eventuell möchte man in der geplanten Anwendungen aber auch auf Funktionen und Möglichkeiten zurückgreifen, die unter Windows nicht (oder nicht so leicht) verfügbar/möglich sind.
Doch lieber ein GNU/Linux-System?
Also wollte ich den (etwas) aufwändigeren Weg wählen und ein komplettes GNU/Linux-System zum Entwickeln aufsetzen. Da die meisten Webserver, mit denen ich bisher gearbeitet habe, unter Debian GNU/Linux laufen, sollte diese Distribution auch diesmal das Arbeitstier meiner Wahl sein.
Aber „worauf“ installieren? Einen dedizierten Rechner dafür einzurichten ist heutzutage (insbesondere wenn man gerade kleinere Projekte allein entwickelt) nicht mehr zeitgemäß. Heutzutage installiert man sich dafür eine virtuelle Maschine, so dass der Webserver gleichzeitig auf derselben Hardware laufen kann wie (in diesem Fall) Windows 7.
Üblicherweise benutze ich dafür VirtualBox, das mir bisher immer gute Dienste erwiesen hatte und vollständig kostenlos verfügbar ist. Unter Windows 7 gibt es jedoch bereits eine Virtualisierungssoftware (zumindest wenn man den Windows XP Modus installiert2 hat). Es handelt sich um eine (eingeschränkte?) Version von Windows Virtual PC. Warum also wieder ein neues Programm installieren, wenn es doch vielleicht schon mit den vorhandenen Mitteln funktioniert?
Los geht’s
Wir wollen also Debian GNU/Linux unter Windows Virtual PC/Windows XP Modus installieren3. Dazu laden wir uns das netboot-Image von Debian „Lenny“ (150 MB) herunter4.
Über das Startmenü (und Eingabe von virt) rufen wir Windows Virtual PC auf und erzeugen über den Menüpunkt Create virtual machine eine neue virtuelle Maschine. Name und Location können nach eigenem Gusto angepasst werden, auch bei Memory/RAM und Networking/Use computer network connections belasse ich es bei den Vorgaben. Auch Typ und Größe der virtual hard disk hängen wohl von den persönlichen Bedürfnissen ab.
Haben wir die virtuelle Maschine erzeugt, markieren wir sie und passen noch die Settings an: Der wichtige Punkt ist hier unter DVD Drive, wo wir die Option Open an ISO image auswählen und darunter das oben heruntergeladene CD-Image eintragen. Nun können wir die virtuelle Maschine „öffnen“, wodurch der virtuelle PC gestartet wird.
Installation klappt nicht
Damit hätte die Installation nun einfach fehlerfrei und geradlinig ablaufen können (so bin ich es auch von VirtualBox gewohnt), aber ohne Eingriff hängt sich das System auf. Man muss dem Installationssystem also mit Boot-Parametern (oder Cheat Codes) ein wenig auf die Sprünge helfen.
Die Debian-Kernel-Boot-Parameter, die noch für Etch funktionierten, führten hier leider nicht mehr zum Ziel. Also musste man weiter probieren und/oder suchen, und glücklicherweise führten die in Kartones Blog genannten Boot-Parameter5 schließlich zum Erfolg:
noapic nolapic noreplace-paravirt vga=791
Dabei ist der Parameter vga=791 nicht notwendig, erhöht aber die Bildschirm-Auflösung in der virtuellen Maschine auf ein brauchbares Maß: 1024 x 768 Pixel. Andere Bildschirmauflösungen sind nach persönlichem Geschmack natürlich auch einsetzbar.
Die restliche Installation funktioniert dann ohne weitere Zwischenfälle.
Damit man dem Kernel die o.g. Boot-Parameter nicht bei jedem Start per Hand mitgeben muss, empfiehlt es sich, noch kurz die Datei /boot/grub/menu.lst anzupassen und die Zeile, die mit # defoptions= beginnt durch diese hier zu ersetzen:
# defoptions=noapic nolapic noreplace-paravirt vga=791
Hierbei ist es wichtig, dass am Anfang der Zeile genau ein # steht. Um die Änderungen zu übernehmen muss man zu guter Letzt noch update-grub aufrufen.
Spit and polish
Zum Schluss noch ein paar kleine Handgriffe, die einem das Leben Arbeiten mit der virtuellen Maschine vereinfachen:
Da das System (wenn es vollständig konfiguriert ist) nach dem Starten ohne weitere Eingriffe gleich einsatzbereit ist, ist es ein wenig Schade, dass man den Rechner nicht auch ebenso einfach herunterfahren kann. Da die Variante Turn off – obwohl man es jedes Mal angeboten bekommt – nicht funktioniert, muss man sich in der virtuellen Maschine anmelden, um selbige mittels halt sauber herunterzufahren.
Es geht aber auch einfacher. Ändert man mit dem Editor seiner Wahl die Datei /etc/inittab wie folgt ab, kann man die virtuelle Maschine (nach dem nächsten Booten) durch einen Druck auf den Knopf Ctrl+Alt+Del in der Menüleiste ganz einfach herunterfahren.
# What to do when CTRL-ALT-DEL is pressed.
# ca:12345:ctraltdel:/sbin/shutdown -t1 -a -r now
ca:12345:ctraltdel:/sbin/shutdown -t5 -a -h now
- 1 Im Allgemeinen spricht man wohl meistens lediglich von „Linux“, wenn man das komplette Betriebssystem meint, obwohl streng genommen damit nur der Kernel bezeichnet wird. Ganz geklärt ist der GNU/Linux-Namensstreit aber wohl bis heute nicht.
- 2 Anleitung zum Installieren und Verwenden des Windows XP-Modus in Windows 7
- 3 Da ich die Installation unter einem englischsprachigen Windows 7 vornehme, führe ich hier natürlich die englischen Bezeichnungen von Menüpunkten u.ä. auf. Meistens sollten sich die entsprechenden Punkte in einer deutschen Installation mit diesem Wissen aber auch finden lassen.
- 4 Hier haben wir schon die erste Stolperfalle und den ersten Nachteil von Windows Virtual PC/Windows XP Mode: Anscheinend akzeptiert der Virtualisierer nur 32 Bit-Versionen, auch wenn mein Windows 7 eine 64 Bit-Version ist.
- 5 Zum Eingeben der Boot-Parameter am Boot-Bildschirm die Tabulator-Taste drücken und die Boot-Parameter durch Leerzeichen getrennt hinter die bereits vorhandenen Boot-Parameter anhängen. Dabei beachten, dass an dieser Stelle noch die amerikanische Tastatur-Belegung gilt, also Z und Y vertauscht sind und dass sich das = mit der ß-Taste eingeben lässt.
Samstag, 3. September 2011 um 23:16
Hallo Christian,
vielen Dank erst einmal für Deine Anleitung!
Was passiert eigentlich bei der Installation von Debian via Virtual PC wenn es an die Partitionierung der Festplatte geht? Geschieht das quasi nur “virtuell” oder wird tatsächlich meine Festplatte physisch formatiert? Obwohl ich zwei Festplatten habe, wird mir in den Optionen während der Installation nur eine angezeigt.
Würde mich über eine Antwort freuen.
Danke und viele Grüße
Montag, 5. September 2011 um 17:37
Beim Einrichten der virtuellen Maschine wird auch die „virtual hard disk“ angelegt, also eine Datei, die als „Festplatte“ verwendet wird. Wenn Debian also im Installationsprozess die Festplatte partitioniert, dann geschieht dies alles in der Datei, die als virutelle Festplatte angelegt wurde, so dass man dort gefahrlos walten kann, ohne das Wirtssystem und seine Festplatte besonders zu gefährden.