Emotionale Nutztiere

… und andere Gemeinheiten.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr man sein Herz an eine Katze hängen kann. Da wirkt solch ein Begriff wie “emotionales Nutztier” äußerst befremdlich.

Bärchi "Tapsi" – †20.12.2005

Warum schreibe ich das? Weil ich gestern leider die Entscheidung treffen musste, meine Katze einschläfern zu lassen. OK, sie war schon sehr alt, aber eben diese lange Zeit – nämlich mehr als die Hälfte meines Lebens – hat sie mich begleitet. Und wenn man bedenkt, dass die Erinnerungen an die frühesten Kindheitsjahre eher dürftig sind, darf man die Hälfte auch durchaus als Untertreibung ansehen. Und egal wie man es nun letztlich rechnet: Es war einfach eine sehr lange Zeit.Sie hatte ein langes Leben hinter sich (inklusive die operative Entfernung eines sehr großen Tumors an den Schlauchdrüsen vor zweieinhalb Jahren) und wurde in letzter Zeit sichtlich schwächer. Ich fing natürlich an, mich damit auseinanderzusetzen, dass es irgendwann demnächst vorbei sein würde. Aber egal wie intensiv man sich damit beschäftigte, es war doch immer Unzeiten weit entfernt. Schließlich war sie ja (fast) immer da. Sicherlich hat man sich auch immer wieder mal über sie geärgert und wollte sie dafür “für immer” mit Nichtachtung strafen, aber wenn sie sich schnurrend auf den Schoß setzte, war doch wieder alles vergeben.

Zum Glück hatte Sie bis zum Schluss keine Schmerzen. Das war (mir) wichtig! Noch eine so zehrende OP wie damals wollte ich ihr nicht zumuten – das war klar. Aber was bedeutet das? Wenn es soweit kommen sollte, wenn der Tumor sich zurückmeldete, was wäre dann für mich zu tun? Klar: Dann wäre ein schmerzloser Tod das beste für sie. Auch wenn ich ihr von Herzen gewünscht hätte, dass sie einfach friedlich auf ihrem Lieblingshocker einschliefe. Aber das war ihr wohl nicht vergönnt.

Leider musste ich in letzter Zeit wieder viel arbeiten, so dass ich kaum zu Hause war. Aber als ich nun gestern Abend nach Hause kam, kam meine Katze nicht maunzend zu mir gelaufen, sondern ich hörte sie nur aus dem Wohnzimmer rufen. Sie war hinter dem Fernseh-Regal (wo sie sich wegen der Heizungsrohre immer gern aufhielt) und kam dort wohl nicht mehr raus. Das unterste Brett ist gerade mal 3 cm hoch, aber das war für sie wohl nicht zu schaffen. Sie wirkte wie vom Becken an gelähmt. Auch die Vorderpfoten konnten sie nur kurz hoch halten, bevor sie auseinander glitten. Ein schrecklicher Anblick. Ich habe ihr dann zwar noch Wasser und was zum Fressen hingestellt, aber die Essversuche wirkten kläglich.

Zwei gute Freunde standen mir zur Seite, brachten mich mit dem Auto zum Tierarzt und unterstützten mich dort auch von Kräften. Die Tierärztin untersuchte Bärchi und stellte generelle Altersschwäche und ein inneres Vertrocknen fest. Man könnte zwar eine Blutuntersuchung durchführen und eine der beiden Vermutungen (Schilddrüse oder Niere) bestätigen, aber selbst mit diesem Wissen und einer dazu passenden Behandlung würde die Tierärztin ihr nur noch ein paar Tage oder ein bis zwei Wochen geben. Das ist ein harter Schlag. Es gab die Möglichkeit, das auszuprobieren, oder sie einzuschläfern. Dann die Frage: Was soll getan werden? Und die Entscheidung musste ich treffen.

Mir kommen die Tränen. Die Entscheidung hatte ich doch schon vorher immer wieder gefällt. Außerdem bin ich mir sicher, dass es für meine Kleine das beste wäre. Warum kann ich dann nicht einfach “Ja!” sagen? Ich kriege keinen Ton raus. Man ist ja doch selbstsüchtig. Irgendwie will man nicht loslassen, den Schmerzen verhindern. Aber das wären nur die eigenen Schmerzen, und gegenüber der Katze hat man doch auch eine Verpflichtung. Die Ärtzin bietet auch an, dass ich die Katze erst nochmal mit nach Hause nehmen und eine Nacht darüber schlafen könnte. Aber ich denke, dass das keinem von uns beiden hilft. Also kriege ich gerade so ein “Ja!” über die Lippen.

Die Tierärztin ist sehr nett und erklärt mir auch, was sie macht. Erst eine Narkose-Spritze zum Einschlafen, danach eine Überdosis Schlafmittel, damit sie friedlich aus dem Leben scheidet. Das war mir vorher auch schon klar, aber nun sind die Tränen endgültig nicht mehr zu kontrollieren. An Sprechen ist nicht mehr zu denken. Die Katze bekommt die erste Injektion und lässt alles ganz friedlich über sich ergehen. Ich streichele sie und schaue ihr in die Augen. Sie wird müde und schläft ein. Ganz langsam. Es scheint eine Ewigkeit zu vergehen und ich frage mich: “Was hast Du getan?!” Erstaunlich, was einem dabei so durch den Kopf geht. Ich denke an viele vergangene Tage zurück und hasse mich irgendwie für meine Entscheidung. Aber es ist das Beste – für uns beide. Allein die Vorstellung, dass sie in meiner Abwesenheit irgendwie unglücklich stürzt, sich was bricht und elendlig leidend verendet, bis ich Abends irgendwann nach Hause komme. Das hätte ich auch nicht verkraftet … und der Katze nicht gewünscht.

Bärchi ist eingeschlafen. Die Tierärztin prüft den Augenreflex – nichts. Nun die zweite Injektion. Ich streichele die Katze noch immer, wohl ahnend, dass sie selbst davon nichts mehr mitbekommt. Ich bete zu Gott. Der Atem von Bärchi wird immer flacher, bis er ganz aufhört. Die Tierärztin prüft den Herzschlag und teilt mir mit, dass es vorbei ist. No return! Bärchi ist tot.

Zuletzt bleibt noch die Frage, was mit den sterblichen Überresten geschieht. Die Tierärztin fragt mich, ob ich eine Möglichkeit zum Begraben hätte, oder ob sie sich um den Körper kümmern soll. Da mir keine geeignete Stelle bekannt ist, überlasse ich das der Ärztin. Die Katze wird eingeäschert – auch wenn das fachlich etwas kälter klingt: “Tierkörperbeseitigung Katze”. Aber auch das ist halt wieder so ein Beispiel, dass Emotionen und Realität manchmal hart aneinander prallen.

Stellt sich einem die Frage, ob unter solchen Aspekten die Anschaffung eines “emotionalen Nutztieres” überhaupt erstrebenswert ist. Sie verlangen nach Aufmerksamkeit, sie schränken die persönlichen Freiheiten ein, sie kosten Geld und sie können sehr viel Schmerz verursachen.
Aber auf der anderen Seite sind solche Haustiere (wie etwa auch Kinder) einfach was sehr schönes. Die gemeinsam erlebte Zeit vergisst man nicht! Sie geben Liebe und verlangen dafür gar nicht viel.

Ich finde, es ist ein Wagniss, dass es sich einzugehen lohnt. Und auch wenn ich noch einiges an Trauerarbeit vor mir habe, denke ich schon, dass ich mir irgendwann wieder ein Haustier zulegen werden. Irgendwann …

Keine Ahnung, wen das hier “angeht” oder interessieren könnte, aber irgendwie wollte ich mir das mal von der Seele schreiben.

Einen Kommentar abgeben


This blog uses DigoWatchWP an anti-fraud plugin for Wordpress.