Thoraxkompression
Den meisten Leuten (vor allem all jene, die im Besitz einer Fahrerlaubnis sind) sollte der Begriff „Herz-Lungen-Wiederbelebung“ (HLW) oder auch „Kardiopulmonale Reanimation“ (CPR) ein Begriff sein:
Bei einer bewusstlosen Person ohne Atmung und Puls ist bis zum Eintreffen der Rettungskräfte (oder bis die lebenswichtigen Funktionen des Betroffenen wieder anfangen, selbst zu arbeiten) die Kardiopulmonale Reanimation durchzuführen1, um die Versorgung lebenswichtiger Organe mit Sauerstoff sicherzustellen und letztlich das Leben des Betroffenen zu retten2.
Weiß noch jemand, wie das geht? Sind die lebensrettenden Maßnahmen noch gegenwärtig und erinnert man sich noch an die vorgegebenen Rhythmen/Zyklen?
Führerscheinwissen
Als ich seinerzeit für meinen Führerschein die „Sofortmaßnahmen am Unfallort“ erlernen (und nachweisen) musste, lernte ich noch, dass man sich (in dieser Reihenfolge) von dem Fehlen von Bewusstsein, Atmung (dazu den Kopf überstrecken und die Atemwege frei machen) und Puls überzeugt, den Patienten in Rückenlage auf einen festen Untergrund legt und dann den Druckpunkt sucht. Vom unteren Ende des Sternums3 legt man zwei Finger breit weiter oben („Ein Finger, zwei Finger, erste Hand, zweite Hand darüber“) die Handballen auf und beginnt mit dem, was uns damals als Herzdruckmassage4 erklärt wurde: Nach 15× Thoraxkompression jeweils 2× Atemspende, wenn man alleine reanimiert; im Verhältnis 1 : 5 bei Reanimation zu zweit. Dabei zwischenzeitlich regelmäßige Überprüfung, ob die lebenswichtigen Funktionen wieder eingesetzt haben.
Auffrischkurs
Etwa fünf Jahre später habe ich dann mit ein paar Freunden zur Auffrischung einen (kostenpflichtigen!) Erste Hilfe-Kurs bei den Maltesern gemacht. Einfach um zu wissen, dass man helfen kann.
Neben dem üblichen Hin und Her, ob man einem ansprechbaren Motorradfahrer den Helm nun abnehmen soll oder nicht (da gehen die Meinungen wohl immer noch auseinander), kam natürlich auch hier die Frage in die Runde, ob jemand wisse, was zu tun sei, wenn man eine regungslose Person am Straßenrand fände.
Pflichtbewusst gemeldet und das gelernte Rezitiert. Antwort: „Nein, das ist falsch!“ Wieso? „Wir prüfen den Puls nicht mehr.“ Aha. Wenn man dann fälschlicherweise ein noch schlagendes Herz reanimiert, dann wird sich selbiges sicherlich bedanken. „Ja, man geht davon aus, dass der Laie (gerade in einer Stresssituation) den Puls nicht zuverlässig finden kann. Da mit Aussetzen der Atmung fast immer auch ein Herzstillstand einhergeht, lässt man halt nur noch die Atmung prüfen.“
Ok, das kann ich sogar nachvollziehen. Aber warum meine Herangehensweise dann so kategorisch falsch sein soll, leuchtet mir hingegen nicht ein. Wenn ich es kann, dann kann ich doch ruhig mehr prüfen. Wenn ich dem Verletzten durch mein (veraltetes?) Handeln das Leben rette, kann es ihm doch letztendlich egal sein, ob ich nun das „Verbot“, den Puls zu prüfen, beachtet habe oder nicht?!
Reanimationsseminar
Neulich war meine Freundin dann auf einem (von der Pharmaindustrie organisierten) Reanimationsseminar, wo diese Themen natürlich auch durchgenommen wurden. Neugierig wie ich bin, habe ich natürlich auch da nach den Inhalten gefragt.
Neben dem (zumindest akademisch) wichtigen Hinweis, dass der Ausdruck „Herzdruckmassage“ natürlich völlig falsch und irreführend ist, da es sich ja um eine Thoraxkompression handelt, wurden auch die aktuell geltenden Reanimationsleitlinien5 erläutert:
Für die HLW gilt nunmehr unabhängig von der Anzahl der Reanimierenden (also egal ob allein oder zu zweit) das Verhältnis: 30× Thoraxkompression und 2× Atemspende.
Ach ja, und den Druckpunkt such man jetzt nicht mehr vom Sternum aus mit der Finger-Methode, sondern einfach als die Mitte des Bruskorbes, wobei die untere Grenze durch die unteren Rippenbögen festgelegt wird. Auf jeden Fall einfach als die alte Methode.
Mehr?!
Ich wäre ja froh, wenn es solche kostenlosen Seminare, die ja unser aller Leben retten könnten, für jedermann zugänglich wären. Wer vor 40 Jahren seinen Führerschein gemacht hat, wird sich in der Regel nicht mehr besonders gut an das Ganze erinnern. Und selbst wenn, wäre hin und wieder ein wenig praktische Auffrischung am Dummy sicherlich hilfreich, um im Ernstfall sicher und richtig handeln zu können.
Außerdem erfährt der Ottonormalbürger ja auch garnichts von den Verbesserungen/Vereinfachungen/Änderungen in den Leitlinien. Wie soll er dann davon profitieren?!
Freiwillige Seminare wären da eine Möglichkeit, diese wenigstens den interessierten Helfern näher zu bringen. Diese dafür aber auch noch zur Kasse zu bitten, halte ich für kontraproduktiv.
Übrigens: Auf blog2 gab es einen Link zu einem ZDF-Lehrspiel zum Thema Herzinfarkt. Auch da darf man mal schnell reanimieren. Weißt Du genau, wie Du bei einem Herzinfarkt in Deinem Umfeld handeln musst?
- 1 Jeder, der eine reglose Person findet und nicht nach bestem Wissen unverzüglich mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen beginnt, macht sich der „unterlassenen Hilfeleistung (§ 323c StGB)“ schuldig!
- 2 Oder zumindest um die Überlebenschancen des Betroffenen zu erhöhen.
- 3 Sternum = Brustbein; die gesuchte Stelle ist unter dem Brustbein an der Stelle, wo die untersten Rippenbögen zusammenkommen.
- 4 Die korrekte Bezeichnung für diese Tätigkeit ist Thoraxkompression. Eine Herz(druck)massage ist das, was ein Arzt durchführt, wenn er nach Öffnen des Bruskorbes das Herz direkt mit seinen Händen massiert. Soweit sollte es aber am Unfallort und für uns Laien sicherlich nie kommen.
- 5 Sorry, klingt jetzt ein wenig sarkastisch, aber es fällt mir gerade keine bessere Umschreibung dafür ein. Natürlich ist es gut, dass solche Vorgaben (gerade für den Laien) gemacht, überprüft und bei Bedarf verbessert werden!

Sonntag, 10. Juni 2007 um 1:32
Das zeigt mal wieder, wie schnell sich “Wissen” heutzutage ändert und man sich schwer tut, auf dem Laufenden zu bleiben, wenn es sich nicht gerade um das eigene Steckenpferd handelt.
In einer “Wissensgesellschaft” sollte sich echt mal ein Gesellschaftlicher Diskurs entwickeln, ob neben kirchlichen Feiertagen, Tag der Deutschen Einheit und Urlaub nicht auch ein paar Tage Fortbildung jährlich gesetzlich verankert werden sollten. Dabei denke ich an zB eine Woche = 5 Tage, an denen die wichtigsten Gesetzesänderungen des letzten Jahres (ich sag nur STVO, Kreisverkehr und über 30-jährige), ein bisschen Allgemeinwissen und ähnliches gelehrt werden sollte.
Sonntag, 10. Juni 2007 um 17:35
Ne schlaue Idee dazu habe ich aber leider auch nicht.
Aber es ist schon irgendwie erschreckend. Und vielleicht konnte ich mit diesem Beitrag ein paar Leute erreichen, die zum einen diese „neuen“ Informationen mitnehmen und sich eventuell sogar motiviert sehen, ihre Rettungskenntnisse mal wieder aufzufrischen.