Verkehrszeichen abschaffen?

Seit vielen Jahren wächst in Deutschland ein riesiger Wald, der in keinem Biologiebuch der Welt auftauchen dürfte: Der Schilderwald.

Die meisten Autofahrer müssten das Problem kennen: Da fährt man Abends (vielleicht schon etwas erschöpft) durch eine unbekannte Gegend und auf einmal fragt man sich, wie schnell man hier eigentlich gerade fahren dürfte? Man ist nicht mehr in einer geschlossenen Ortschaft, oder? Waren da nicht eben noch viele verschiedene Geschwindigkeitsbegrenzungen hintereinander? Was gilt denn nun gerade? Vermutlich egal. Blitzlicht! Erwischt! Das wird teuer – vermutlich.

Es werden anscheinend immer mehr Verkehrszeichen auf deutschen Straßen. Viele erscheinen unnötig, manche vollkommen sinnlos. Das hatte auch der Gesetzgeber erkannt und so im Jahre 1997 eine Novelle der Straßenverkehrsordnung durchgesetzt, die die Lage entschärfen sollte.

Die meisten Situationen seien in der StVO ausreichend geregelt, so dass auf eine redundante Beschilderung verzichtet werden könne; der Autofahrer solle die geltenden Verkehrsregeln eigenverantwortlich beachten. Ferner wurde den Städten und Landkreisen auferlegt, nur noch dann Verkehrszeichen aufzustellen, wenn diese nach einer restriktiven Prüfung zwingend erforderlich wären, sowie alle zwei Jahre mit unabhängigen Sachverständigen eine sogenannte Verkehrsschau durchzuführen, um unnötige Verkehrszeichen zu entfernen.

Laut eines Berichtes des ZDF-Magazins WISO aus dem Jahre 2004 stellten sich gewünschten Erfolge aber leider nicht ein.

Es geht auch ohne?!

SchilderwaldverbotDann stieß ich über einen Spiegel-Artikel vom November 2006, der leider nicht mehr nur noch in englischer Sprache online verfügbar1 ist, auf eine interessantes Experiment mit einem viel radikaleren Ansatz: Verkehrszeichen ganz abschaffen!

Mehrere Städte (darunter Ejby/Dänemark, Ipswich/England, Ostende/Belgien, sowie wohl demnächst auch das beschauliche 13.500-Seelen-Dorf Bohmte bei Oldendorf in Niedersachsen) haben sich im Rahmen eines EU-Projekts dazu bereit erklärt, Ampeln, Parkflächen und Beschilderung abzuschaffen.

Bereits geschafft hat es etwa die niederländische Stadt Makkinga. Am Ortseingang befindet sich ein großes Schild, auf dem “Verkeersbordvrij” (heißt soviel wie Verkehrszeichenfrei) steht. Danach gibt es nur noch feines Granitpflaster ohne Fahrbahnmarkierungen oder Verkehrszeichen, weder Parkplätze noch Ampeln.

Die Idee dahinter ist weniger, dem Autofahrer das lästige Verkehrszeichen-Lesen zu ersparen, sondern vielmehr der Gedanke, dass man ohne Ge-/Verbote aufmerksamer ist und sich auf alte Tugenden wie Rücksicht und Vorsicht2 besinnt.

Eine grüne Ampel signalisiert dem Fahrer, dass er fahren kann. Also schaut er nicht nach links oder rechts und fährt mit voller Geschwindigkeit (vielleicht sogar noch schneller, weil er die Grünphase nicht verpassen will) über die Kreuzung. Bei einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 60 km/h wird diese erlaubte Geschwindigkeit auch ausgereizt, auch wenn man sein Fahrzeug in mancher Situation (Glätte, Nebel, …) vielleicht nur bei erheblich geringerer Geschwindigkeit noch kontrollieren kann. Da man dem Fußgänger auf einem gesicherten Fußgängerüberweg gewähren muss, hat er sonst scheinbar keine Existenzrechte auf der Straße.

Gibt es keinerlei unverrückbare Rechte, so muss man sich jeder Kreuzung vorsichtig nähern und schauen, ob man diese gefahrlos passieren kann. Der Autofahrer versucht nicht mehr, seine Vorteile einfach bestmöglich auszureizen, sondern muss seine Berechtigungen ständig eigenverantwortlich überprüfen.

Auch für Großstädte?!

Auch wenn ich diese Idee für äußerst interessant finde3 und mir eine dauerhafte Anwendung in kleineren Ortschaften vielleicht sogar vorstellen könnte, denke ich, dass dieses Konzept bei steigender Teilnehmerzahl (sprich: größeren Städten) bald an seine Grenzen stößt.

Man geht bei der ganzen Geschichte auch vom “Good Will” der Verkehrsteilnehmer aus, der eben nicht immer und überall vorhanden ist. Was passiert, wenn dem Proleten seine verbeulte Rostlaube auf der Straße egal ist, dem Fahrer eines liebevoll restaurierten Oldtimers oder der neuen Luxus-Limousine die Unversehrtheit seines Fahrzeugs jedoch sehr am Herzen liegt? Was passiert, wenn jemand sein Fahrzeug ignorant inmitten einer “Kreuzung” oder im wörtlichen Sinne direkt vor einer Haustür parkt?

Welche (Verkehrs-)Regeln müssen weiterhin gelten?

Andererseits soll dieses Experiment schon seit vielen Jahren im niederländischen Drachten, das immerhin 45 000 Einwohner zählt, funktionieren. Dort sind die meisten Ampelkreuzungen abgeschafft. “rechts vor links” und “Wer andere behindert, wird abgeschleppt” sind dort angeblich die einzigen übrig gebliebenen Regeln.

  1. 1 Mir erschließt sich nicht so ganz, warum man den originalen deutschsprachigen Artikel nur noch kostenpflichtig anbietet, die englischsprachige Version dagegen online im Netz lässt, aber letztlich soll es mir egal sein. So haben noch ein paar Menschen mehr die Möglichkeit, den Artikel (bei ausreichenden Englisch-Kenntnissen) selbst zu lesen. Und wer des Englischen nicht mächtig ist, findet mit einer passenden Google-Suche bestimmt auch noch Abschriften des deutschen Textes.
  2. 2 Das erinnert mich irgendwie an den § 1 (1) StVO. :)
  3. 3 Wenn ich dazu käme, würde ich einen solchen Ort auch gern selbst einmal besuchen und das Gefühl der Freiheit einmal selbst ausprobieren.

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